STACCATO - FUTURISTISCHES
70´S FIBERGLAS DRUM AUS ENGLAND
© Michael Krüger, 2006

"Roll on Staccato´s future in sound - tomorrow´s drum today". So wird die britische Fiberglas-Revolution 1977 in einer Anzeige angekündigt: Eine in Nebel gehüllte, weisse amorphe Formstudie, die nur entfernt an ein Schlagzeug erinnert. 1978 montiert man das Drum auf eine Mondlandschaft und setzt einen NASA-Astronauten mit Sticks an das Kit und verkündet den adaptierten Armstrong-Slogan: "A Giant Leap in Drum-Design". Das "Staccato-Fortissimo" ist da! Das bizarrste Schlagzeug, das jemals gebaut wurde:

2007: Staccato-Drums sind wieder da!

Sicherlich gehört der Musiker, Rennfahrer, Skulpturist, Maler und Bildhauer Pat Townshend zu den schillernsten Persönlichkeiten des Londoner Rock'n Roll Zirkus der 70er Jahre. Ende dieses bunten Jahrzehntes sorgte er mit den hornförmigen Staccato Fieberglasdrums für Furore. 20 Jahre lang war Staccato vom Markt verschwunden.

Um den Namen seines Staccato Rennteams zu promoten stellt Mr. Townshend 2003 einen Website ins Netz. Plötzlich erhält er Anfragen aus aller Welt von Drummern die ein Set kaufen möchten oder ihr Set mit Einzeltrommeln ergänzen wollen. Als größte Verbesserung wird das Design leicht verändert, so dass die Kessel ineinander passen. So wird ermöglicht, dass ein sechsteiliges Set in zwei Transporttaschen transportiert werden kann. Gefertigt werden sie nach wie vor aus Fiberglas, das in jeder erdenklichen Farbe hergestellt werden kann. Außerdem hat er einen Prototyp aus Carbon gefertigt, mit dem er den Lautstärkerekord für Schlagzeuge brechen will :-)

Auch das Auftauchen eines Staccato Sets im Rammstein-Video "America", kurbelt die Nachfrage an. Pat beschließt wieder Schlagzeuge herzustellen. Als größte Verbesserung wird das Design leicht verändert, so dass die Kessel ineinander passen. So wird ermöglicht, dass ein sechsteiliges Set in zwei Transporttaschen transportiert werden kann.

Man kann zwischen drei Ausführungen wählen, alle sind mit runden Staccato Böckchen ausgestattet:

1. G.R.P. (Glass reinforced plastic)
Die traditionelle Variante aus farbigem Fieberglas, das in jeder erdenklichen Farbe hergestellt werden kann.


2. C.C.F. (Coloured Carbon Fibre)
Aus eingefärbtem Carbongewebe gefertigt. Hierbei wird keine Farbe sondern ein Gel über der Carbonschicht verwendet.

3. C.F. (Carbon Fibre)
Mit transparentem Finish durch das man die holographischen Strukturen des Carbongewebes sehen kann.

http://www.drumhouse.com/magazine.html#staccinc

Weisse Fiberglasdrums im "Ball-Chair-Design"

1977 sieht man die runden Spannböckchen, die der legendären britischen Schlagzeugschmiede "Hayman" das unverwechselbare Aussehen gesehen haben wieder: Die Hayman-Hardware Relikte wurden aufgekauft und als Grundlage für eine neue Legende eingesetzt. Staccato-Drums - die weissen Fiberglas-Drums mit dem revolutionären Design. Das neue Material ermöglichte Formen, die bis dato unmöglich schienen. Ein Schlagzeug passend zum Zeitgeist: Wennn man das Kit sieht denkt man an den "Ball-Chair" des finnischen Designers Aero Aarnio Ein Hauch "Korova-Milchbar" aus "Clockwork Orange" (1971). Der Spirit der weissen 007-Fiberglaskulissen aus "Der Spion, der mich liebte" (1977). Produktdesign wie bei den beliebten japanische "Weltron" Kugelradios...kurz: Alles an diesem Schlagzeug verkörpert die 70er. Das Drum wurde in allen möglichen Farbvarianten hergestellt - schwarz, weiss, gelb und rot waren die Standardfarben; die futuristische Wirkung wurde – meiner Meinung nach – am besten mit dem weissen Finish unterstrichen.

Wegweisende Formgebung - wenn gewünscht unbeschreiblich laut

Die Kessel sind schalltrichterartig konstruiert - alles ist bei diesem Drum auf Exponentialwirkung ausgerichtet. Alle Trommeln sind "single headed". Die Besonderheit sind die gehobenen mittleren und tiefen Frequenzen und der enorme Schalldruck, der durch die Öffnung sehr gezielt und klar projeziert wird. Originaltext 1977: "Wegweisende Formgebung unter Anwendung der Kadency-Technik, derzufolge jedes Luftvolumen, welches durch eine exponentielle Form abgestrahlt wird, die Tonresonanz und Schallabstrahlung stark beeinflusst. Vielfältige Klangfarben und wenn gewünscht, ein unbeschreiblich lauter Sound" Einfach gesagt: Der Sound der Trommeln wurde von einen gebogenen Horntrichter in Richtung Audienz projeziert und bekam dadurch ein gewaltiges Lautstärkevolumen.

"Kadency-Technik" nach dem Prinzip eines Exponential-Horns

Diese "Kadency-Technik" funktioniert nach dem Prinzip eines Exponential-Horns: Die Drums sind durch diese Bauweise extrem laut und haben einen sehr speziellen trockenen und druckvollen Sound. Unterhalb des Fells setzt sich der Kessel zylindrisch fort, wird dann um 90Grad nach vorn gebogen und dehnt sich in einen erweiterten offenen Schalltrichter aus.
Ein durchsetzungsfähiges Schlagzeug, um Auftritte in kleineren Clubs auch ohne PA bestreiten zu können. Klanglich werden die mittleren bis tiefen Frequenzen verstärkt - so klingt ein 10" Tom wie ein 12" Tom etc.

"Cannon-Kick" und "Siamese Twin Horn Loading"

So nannte man die 22" Bassdrum - wegen ihrer Tiefe von 29"(!) auch passend "Cannon-Kick". Bei der skurrillen Bassdrum mündet der Bassdrumcorpus - ähnlich wie bei einem Ansaugtrichter eines Motors in zwei Kanäle. "Siamese Twin Horn Loading" wie Bob Henritt im "Staccato-Report" erläutert. Der "Cannon-Kick" macht seinem Namen alle Ehre und klingt durch diese Komprimierung sehr druckvoll. Nicht zuletzt durch die Mikrofonpositionierung innerhalb des Trichters, die eine differenzierte und gut abnehmbare Aufnahme ermöglicht, waren North und Staccato Drums in den 70ern und frühen 80ern in vielen Studios beliebt.

1976 von Pat Townshend entwickelt. 1977 von Chris Slade gegründet und von John E. Marshall vertrieben

"Staccato-Drums" wurden von 1977-1982 in Handarbeit in England gebaut und durch ihre futuristische Erscheinung schnell bekannt. Maler und Bildhauer Pat Townshend gestaltete die ersten Entwürfe für das Drum. Gründer Chris Slade (Manfred Mann´s Earth Band, Gary Numan) gewann Keith Moon (The Who) und John Bonham (Led Zeppelin) aus finanziellen Gründen nur kurze Zeit als Endorser. Fiberglas war zu der Zeit teuer, die Drums waren nur in Handarbeit und in kleinen Serien herzustellen - die Qualität war ebenfalls sehr schwankend. Grösstes Problem war die unterdimensionierte Hardware und die sehr schweren Kessel.

Von 1982-1984 von Ayotte modifiziert und in Kanada vertrieben

Nach dem "Beinahe-Aus" nach einigen Jahren wurde Staccato 1982 unter der Obhut von Gründervater John E. Marshall von der Drumcompany "Ayotte" Drums modifiziert und bis 1984 in Kanada vertrieben. Der EInfluss von Ray Ayotte war sofort unübersehbar. Das auch bei heutigen Kits verwendete "Staccato Tune-Lock Tension System" war der erste Schritt und bedeutete der Abschied von den schönen runden Hayman Böckchen. Ein Lug-Style, den man später bei den DW-Drums sah. Man modifizierte die Spannböckchen und nahm die Schnellspannverschlüsse von Ayotte und änderte das ehemals "Nautilusartige" Standtom. Grösstes Augenmerk wurde auf neuere, leichtere Fiberglasmaterialien gelegt.

FRP und bessere Hardware sollten die Wende bringen

"FRP" hiess das neue Material. Fiberglass reinford polyester resin - ein neues Material das die gleiche Stabilität bei dünnerer Kesselstärke ermöglichte. FRP ist physisch härter als Stahl und hatte excellente Resonanz-Qualitäten. Ausserdem wurde das Logo modifiziert - statt der schreibschrift "Dom Casual" entschied man sich für eine futuristische serifenlose Grotesk-Schrift. An den Toms wurden Metall-Badges nach North-Vorbild befestigt. Die wackeligen Bassdrum Standbeine und die britisch unterdimensionierte Hardware wurde verbessert.

"
Das Ding sieht ja aus wie eine Sitzgruppe aus den 70ern"

"Sieht ja aus wie eine futuristische Sitzgruppe aus den 70ern", "Sieht aus wie das Schlagzeug von Batman","Boxershort-Bassdrum", "Ich dachte das ist ne Skulptur von einem Frauentorso" - ähnliche Zitate zum aussergewöhnlichen Erscheinungsbild wird jeder Staccato-User kennen. Natürlich stiess man mit dem radikalen Design bei den eher traditionell und konventionell verwurzelten Drummern ;-) auf geringe Resonanz.

Absturz mit dem "Vojager" 8 für 4495 Dollar

Durch den hohen Preis das unpraktische Handling und das radikale Design verschwanden Exoten wie Staccato sowie das günstigere und bekanntere amerikanische Pendant "North" in den 80ern vom Markt. Eine Preisliste von 1982 macht es deutlich: Das "Voyager-6" kostete immerhin 2795 Dollar, das grosse "Voyager 8" bzw "TH11" stolze 4495 Dollar. Nicht nur das: Die grossen britischen, amerikanischen und deutschen Fabrikanten bekamen Konkurrenz. Japanische Hersteller drängten auf den Markt und überzeugten mit hervorragender Verarbeitungsqualität, neuen Konzepten und Ideen – und das alles zu sensationell günstigen Preisen. "Tama", "Yamaha" und "Pearl" - gegen den Rest der Welt.

70´s Optik war in den 80ern nicht mehr angesagt

Letztes Aufbäumen bei Staccato in Kanada. Viele hatten nicht nur Probleme mit der gewaltigen Lautstärke. Auch die einst gefeierte kompromisslose 70´s Optik war in den 80ern überhaupt nicht mehr angesagt. "Vokuhila" und "Karottenjeans" tragende Drummer mit Oberlippenbärten, die "80er (Schweine) Rock´n´Roller" (abkotz!) und Deutschfunkdrummer (oberwürg!) waren da! Eine weitere Tatsache entging den Marketingprofis: Drummer sind keine Gitarristen (!) Schlagzeuger gehören tendenziell zur "rustikalen" Spezies. Sie verstehen nichts von "Design", "Stil" und "Vintage" und interessieren sich mehr für "Pils" und - wenn überhaupt – für "Fussmaschinen" und sammeln höchstens Pfandflaschen, alte Felle und Kronkorken.

1982: Thundertouch und Thundercommand - 1984 das Ende!

Man wollte den Zeitgeist nicht verpassen und entschloss sich zu einer Fiberglasserie mit "normaler" Optik - der "Thundertouch" bzw. "Thundercommand". Fener mixte man diese Serie mit den Ur-Staccatos, nannte das ganze "Matched Kits" und das Chaos war perfekt. Aber damit nicht genug: Die Drummaker erweiterten das Sortiment mit Marching-Drums, den "Warrior Percussion Sets". Von Produktpolitik bzw. 70´s Style-Philosophie war nichts mehr geblieben. Der erschreckend lieblos gestaltete "Staccato-Report" vom Sommer 1982, den ich hier als Download beilege dokumentiert die Ratlosigkeit, das Produkt entsprechend zu positionieren....das Ende von Staccato war nur noch eine Frage der Zeit.

70´s Aura in Schlagzeugform

Mitterweile sind die Fiberglas-Drums nur sehr selten zu sehen - entweder in miserablen, verbasteltem Zustand oder behütet wie ein Augapfel. Es gab sogar eigens konstruierte Cases für das Kit, die allerdings recht selten verkauft wurden. Die Hardware bzw. die eigene Snare-Linie war nicht weiter bedeutend. Wichtig allein sind die Kessel der 1. und 2. Generation und die 70er Jahre Aura, die dieses Kit versprüht.

Gary Numan, Bow Wow Wow, Uriah Heep, Spliff

Klangbeispiele gibt es noch einige aus den 70er bzw frühen 80ern: Bands, die Staccato-Drums benutzt haben: Uriah Heep, Gary Numan (Chris Slade), Bow Wow Wow (Malcolm McLaren Band), Spliff (Herwig Mitteregger hat bei der "Spliff Radio Show" von 1980 ein Staccato-Drum verwendet...sieht man auch auf dem Cover - Anspieltip: "Discocaine" das ist der typische Staccato-Sound). Staccato 2005: Im Rammstein-Video "Amerika" wurde übrigens die Idee vom Staccato-Folder umgesetzt und man sieht den Drummer als Nasa-Astronaut.

ANZEIGE 1977: "Roll on Staccato´s Future in Sound - tomorrow´s Drum today“. So wird die britische Fiberglas-Revolution in einer Anzeige angekündigt: Eine in Nebel gehüllte, weisse amorphe Formstudie, die nur entfernt an ein Schlagzeug erinnert. 1/1 Seite
LOGO 1: 1977 ENGLAND Das Signum war da - formal noch etwas überzeichnet, typographisch noch unausgereift.
LOGO 2 - 1978-1982 ENGLAND Das bekannteste Staccato-Logo in der charakteristischen Nierenform.
LOGO 3 - 1982-1984 KANADA Neben den neuen Ayotte-Lugs wurde auch die Optik verändert. Die Kessel der letzten Serie zierte übrigens dieses Signum als Metallemblem.